Fachlexikon

Erdbebenlast

Erdbebenlasten entstehen infolge seismischer Beschleunigungen. In der Rohrstatik können sie beispielsweise über Beschleunigungswerte oder Antwortspektren berücksichtigt werden.

Auch
seismische Last · Seismic Load · Earthquake Load
Wird auch genannt
  • seismische Last
  • Seismic Load
  • Earthquake Load
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Zwei Wirkungen, nicht eine

Ein Erdbeben bewegt den Boden und mit ihm jedes Bauwerk, an dem eine Rohrleitung hängt. Daraus entstehen zwei verschiedene Beanspruchungen. Die erste ist die Trägheit: Die Masse der Leitung – Rohr, Medium, Dämmung, Armaturen – will der Bewegung nicht folgen und belastet Rohr und Halterungen mit Kräften quer und längs zur Achse.

Die zweite wird häufiger übersehen: Hängt eine Leitung an zwei Bauwerken oder auf verschiedenen Ebenen, bewegen sich ihre Auflager nicht gleich. Diese Relativbewegung wird der Leitung aufgezwungen wie eine Wärmedehnung – und kann an Gebäudeübergängen die größere der beiden Wirkungen sein.

02

Woher die Eingangswerte kommen

Wie stark ein Erdbeben anzusetzen ist, bestimmt nicht das Rohrleitungsregelwerk, sondern die Baunorm für den Standort – in Europa der Eurocode 8 mit dem jeweiligen nationalen Anhang. Aus Erdbebenzone, Untergrund und Bedeutung der Anlage folgt die Bodenbeschleunigung.

Eine Leitung im Obergeschoss erfährt allerdings nicht die Bodenbewegung, sondern die des Bauwerks, das sie verstärken kann. Für anspruchsvolle Nachweise liefert der Tragwerksplaner deshalb Antwortspektren für die Ebene, auf der die Leitung gehalten ist.

03

Drei Rechenverfahren

Das einfachste Verfahren setzt die Erdbebenwirkung als statische Ersatzlast an: Die Masse der Leitung wird mit einer Beschleunigung multipliziert und als Horizontal- oder Vertikallast aufgebracht. Genauer ist das Antwortspektrenverfahren, das die Eigenfrequenzen der Leitung berücksichtigt und je Eigenform die größte Antwort ermittelt. Die Zeitverlaufsrechnung mit einem vollständigen Beschleunigungsverlauf bleibt Sonderfällen vorbehalten.

Welches Verfahren verlangt ist, legen Regelwerk und Projektvorgabe fest.

04

Bewertung als gelegentliche Last

Erdbeben sind selten und kurz. Die Rohrleitungsregelwerke bewerten die Trägheitskräfte deshalb als gelegentliche Last und lassen zusammen mit Druck und Gewicht eine höhere Spannung zu als für Dauerlasten allein; ASME B31.3 etwa das 1,33-Fache der zulässigen Spannung bei Betriebstemperatur. Wind und Erdbeben müssen dabei nicht gleichzeitig angesetzt werden.

Neben den Spannungen im Rohr werden die Lasten auf Halterungen, Tragwerk und Anschlussstutzen geprüft – dort liegt in der Praxis häufig der Engpass.

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Konstruktive Sicherung

Erdbebensicherheit entsteht durch Halterungen, die seitliche und axiale Bewegung begrenzen, ohne die Wärmedehnung zu sperren. Wo sich beides widerspricht, helfen Stoßbremsen: Sie lassen langsame Bewegung frei und blockieren schnelle.

  • Federhänger und reine Auflager halten quer nichts – sie brauchen ergänzende Führungen.
  • Armaturen mit schweren Antrieben sind exzentrische Massen und werden eigens betrachtet.
  • Kleine Abzweigleitungen brechen, wenn die Hauptleitung sich bewegt und sie starr gehalten sind.
  • Zwischen Bauwerken braucht die Leitung genug Flexibilität für die Relativbewegung.
  • Ausreichende Abstände verhindern das Anschlagen an Nachbarleitungen und Stahlbau.

Was Entracon dazu anbietet, steht auf der passenden Seite.

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Übersicht

Rechenverfahren für Erdbebenlasten

Verfahren Eingangsgröße Einsatz
Statische Ersatzlast Beschleunigung als Anteil der Erdbeschleunigung Einfache Systeme, überschlägiger Nachweis
Antwortspektrenverfahren Antwortspektrum am Ort der Halterungen Regelverfahren für anspruchsvolle Nachweise
Zeitverlaufsrechnung Beschleunigungs-Zeit-Verlauf Sonderfälle, nichtlineare Systeme
Relativverschiebung Verschiebung der Auflager gegeneinander Leitungen zwischen Bauwerken oder Ebenen
Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Erdbebenlast

Müssen Rohrleitungen in Deutschland auf Erdbeben ausgelegt werden?

Das hängt vom Standort und von der Anlage ab. Maßgebend sind die Erdbebenzone nach der Baunorm, behördliche Auflagen – etwa bei störfallrelevanten Anlagen – und die Vorgaben des Betreibers.

Zählen Erdbebenspannungen zur Wärmedehnung oder zu den Primärlasten?

Die Trägheitskräfte zählen zu den Primärlasten und werden als gelegentliche Last bewertet. Die aufgezwungene Relativbewegung der Auflager ist dagegen eine Verformungsbeanspruchung und wird nach den Regeln des jeweiligen Regelwerks gesondert behandelt.

Was ist eine Stoßbremse?

Ein Halterungsbauteil, das langsame Bewegungen wie die Wärmedehnung nahezu widerstandslos zulässt und bei schneller Bewegung sperrt. Sie wirkt damit nur im Erdbebenfall oder bei anderen stoßartigen Lasten als starre Abstützung.

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