Ratgeber

Eine Rohrklasse erstellen – Schritt für Schritt mit Beispiel

Eine Rohrklasse entsteht in einer festen Reihenfolge. Jeder Schritt legt etwas fest, worauf der nächste aufbaut – und wer hinten anfängt, bei der Wanddicke, rechnet mit Werten, die noch niemand entschieden hat. Dieser Beitrag geht die Reihenfolge an einem Beispiel durch: unlegierter Stahl, 25 bar, 200 °C, DN 25 bis DN 200.

Autor
Dr.-Ing. Philipp Schwittek
Lesezeit
9 Minuten
Aktualisiert
04. Oktober 2026
Das Wichtigste in Kürze
  • Zuerst der Einsatzbereich: Medium, Auslegungsdruck und Auslegungstemperatur – alles Weitere hängt daran.
  • Die Auslegungsspannung kommt aus der Werkstoffnorm bei Berechnungstemperatur, nicht aus dem Wert bei Raumtemperatur.
  • Eine prozentuale Minustoleranz wird nicht addiert, sondern über die Division berücksichtigt.
  • Bei mäßigem Druck liegt die gewählte Wanddicke weit über der rechnerischen – die Rechnung belegt das, sie bestimmt es nicht.
  • Vorgaben des Betreibers gehören an den Anfang, nicht in die Korrekturschleife.
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Schritt 1: Einsatzbereich und Vorgaben festlegen

Eine Klasse gilt für einen Bereich, nicht für eine Leitung. Festzulegen sind das Medium oder die Mediengruppe, der Auslegungsdruck, die Auslegungstemperatur – auch die tiefste –, die Fluidgruppe nach Druckgeräterichtlinie und der Nennweitenbereich.

An dieselbe Stelle gehören die Vorgaben des Betreibers: bevorzugte Werkstoffe, freigegebene Bauarten, ausgeschlossene Dichtungswerkstoffe, ein vorhandener Bezeichnungsschlüssel. Wer sie erst nach der Rechnung erfährt, rechnet zweimal. Fehlt eine Angabe, wird ein Wert vorgeschlagen und sichtbar als Annahme gekennzeichnet.

Für das Beispiel: Heißwasser, Auslegungsdruck 25 bar, Auslegungstemperatur 200 °C, DN 25 bis DN 200, Regelwerk EN 13480.

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Schritt 2: Werkstoff und Korrosionszuschlag wählen

Der Werkstoff folgt aus Medium und Temperatur, der Korrosionszuschlag aus Medium, Werkstoff und geplanter Lebensdauer. Beides sind Planungsentscheidungen, keine Normwerte. Der Zuschlag gilt einheitlich für alle Bauteile der Klasse.

Aus der Werkstoffnorm werden die Festigkeitskennwerte bei Berechnungstemperatur entnommen. Für nicht austenitische Stähle ist die Auslegungsspannung nach EN 13480-3 der kleinere Wert aus Warmstreckgrenze geteilt durch 1,5 und Zugfestigkeit geteilt durch 2,4.

Für das Beispiel nehmen wir an: nahtloses Rohr aus unlegiertem warmfestem Stahl, Warmstreckgrenze bei 200 °C 185 N/mm², Zugfestigkeit 360 N/mm². Das sind Rechenannahmen für dieses Beispiel, keine Normwerte – im echten Nachweis stehen die Werte der Werkstoffnorm für die gewählte Sorte und Wanddicke. Daraus folgt f = min(185 / 1,5; 360 / 2,4) = min(123,3; 150) = 123,3 N/mm². Korrosionszuschlag c0 = 1,0 mm.

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Schritt 3: Wanddicken rechnen

Die Mindestwanddicke des geraden Rohrs ist e = pc · Do / (2 · f · z + pc). Mit pc = 2,5 N/mm², f = 123,3 N/mm² und z = 1 für nahtloses Rohr wird der Nenner 2 · 123,3 + 2,5 = 249,2 N/mm².

Für DN 150 mit 168,3 mm Außendurchmesser: e = 2,5 · 168,3 / 249,2 = 1,69 mm. Hinzu kommt der Korrosionszuschlag. Die Minustoleranz des Rohrs nehmen wir mit 12,5 Prozent der Bestellwanddicke an; sie wird deshalb nicht addiert, sondern über die Division berücksichtigt: (1,69 + 1,0) · 100 / (100 − 12,5) = 3,07 mm. Ein Zuschlag c2 für die Fertigung entfällt beim geraden Rohr.

Die Tabelle zeigt dieselbe Rechnung für fünf Nennweiten. In jeder Zeile liegt die gewählte Wanddicke deutlich über der erforderlichen – bei 25 bar bestimmt nicht der Innendruck die Wand, sondern die handelsübliche Abmessung. Genau das soll die Rechnung belegen: Sie zeigt, wie viel Reserve die Klasse hat und bis zu welchem Druck das Rohr nicht das schwächste Glied ist.

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Schritt 4: Flansche, Dichtungen und Schrauben zuordnen

Für die Flansche wird die PN-Stufe gesucht, deren zulässiger Druck bei Auslegungstemperatur den Auslegungsdruck erreicht. Dazu dient die Druck-Temperatur-Tabelle der EN 1092-1 für die Werkstoffgruppe des Flansches. Bei 200 °C liegt der zulässige Druck unter dem Zahlenwert der PN-Stufe – ob PN 25 genügt oder PN 40 nötig ist, entscheidet die Tabelle, nicht die Bezeichnung.

Mit der Stufe stehen Flanschtyp und Dichtfläche fest, dazu passend Dichtung und Schrauben. Für Dichtungen zählen Medienbeständigkeit und Temperaturgrenze, für Schrauben der Werkstoff bei Temperatur. Die so gefundene Druck-Temperatur-Kurve ist die Grenze der ganzen Klasse.

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Schritt 5: Formstücke und Abzweigtabelle

Bögen, T-Stücke, Reduzierungen und Kappen werden nach Maßnorm und Typ festgelegt. Bei Einschweißformstücken nach EN 10253 ist das der Typ mit vollem Ausnutzungsgrad, wenn die Formstücke dieselbe Druckgrenze haben sollen wie das Rohr.

Die Abzweigtabelle sagt für jede Kombination aus Haupt- und Abzweignennweite, welche Ausführung zulässig ist: T-Stück, reduziertes T-Stück, eingeschweißter Stutzen mit oder ohne Verstärkung. Wo ein Stutzen vorgesehen ist, wird die Ausschnittsverstärkung nach EN 13480-3 nachgewiesen – einmal, für die Klasse.

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Schritt 6: Armaturen und Prüfung

Armaturen werden nach Bauart, Druckstufe, Gehäusewerkstoff und Anschluss beschrieben, nicht nach Fabrikat. Für die Prüfung nennt die Klasse den Umfang der zerstörungsfreien Prüfung der Schweißnähte – an ihm hängt der Verbindungsbeiwert – und die Druckprüfung.

Für die Wasserdruckprüfung verlangt die Druckgeräterichtlinie den größeren Wert aus dem 1,43-Fachen des maximal zulässigen Drucks und dem 1,25-Fachen der Belastung im Betrieb, umgerechnet über das Verhältnis der Festigkeitskennwerte bei Prüf- und Auslegungstemperatur.

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Schritt 7: Klassenblatt und Nachweis

Am Ende stehen zwei Dokumente. Das Klassenblatt ist die Tabelle für den Alltag: Kopf mit Einsatzbereich, Druck-Temperatur-Grenzen, Bauteile je Nennweite, Abzweigtabelle. Der Nachweis ist die Rechnung dahinter – jede Wanddicke, jeder Ausschnitt, jede Annahme.

Beide tragen denselben Revisionsstand und nennen die Regelwerke mit Ausgabe. So lässt sich auch nach Jahren nachvollziehen, warum in der Tabelle steht, was dort steht – und was zu prüfen ist, wenn sich der Einsatzbereich ändert.

Übersicht

Wanddicken des Beispiels: 25 bar, 200 °C, f = 123,3 N/mm² (angenommen)

Nennweite Außendurchmesser Mindestwanddicke e Erforderliche Bestellwanddicke Gewählt
DN 25 33,7 mm 0,34 mm 1,53 mm 2,6 mm
DN 50 60,3 mm 0,61 mm 1,83 mm 2,9 mm
DN 100 114,3 mm 1,15 mm 2,45 mm 3,6 mm
DN 150 168,3 mm 1,69 mm 3,07 mm 4,5 mm
DN 200 219,1 mm 2,20 mm 3,66 mm 6,3 mm
Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Rohrklasse erstellen: ein Beispiel

Welche Angaben werden für die Erstellung einer Rohrklasse gebraucht?

Medium, Auslegungsdruck, höchste und tiefste Auslegungstemperatur, Nennweitenbereich, das gewünschte Regelwerk, Werkstoffvorgaben, ein Korrosionszuschlag und vorhandene Werksnormen oder Bestandsklassen. Was fehlt, wird als Annahme vorgeschlagen und gekennzeichnet.

Warum ist die gewählte Wanddicke so viel größer als die berechnete?

Weil bei mäßigem Druck nicht der Innendruck die Wand bestimmt. Gewählt werden handelsübliche Abmessungen, die sich schweißen, biegen und auf der Baustelle handhaben lassen. Die Rechnung zeigt, dass sie ausreichen – und wie groß die Reserve ist.

Kann eine Rohrklasse nach den Werksnormen des Betreibers erstellt werden?

Ja. Werksnormen legen meist Werkstoffe, Bauarten und Bezeichnungen fest, nicht den Nachweis. Die Klasse wird innerhalb dieser Vorgaben aufgebaut und nach dem gewählten Regelwerk gerechnet. Wo eine Vorgabe dem Regelwerk widerspricht, wird das vor der Rechnung geklärt.

Gilt die Tabelle auch für geschweißte Rohre?

Nur mit dem passenden Verbindungsbeiwert. Für geschweißte Rohre ist z je nach Prüfumfang 1, 0,85 oder 0,7; die Mindestwanddicke steigt entsprechend. Die Klasse muss deshalb festlegen, ob nahtlose oder geschweißte Rohre zulässig sind und mit welchem Prüfumfang.

Ersetzt die Rohrklasse die Rohrstatik?

Nein. Die Klasse weist die Bauteile gegen Innendruck nach. Ob eine Leitung als System die Lasten aus Eigengewicht, Wärmedehnung und Anschlusskräften trägt, zeigt die Rohrstatik – für die einzelne Leitung, mit ihrer tatsächlichen Führung und Halterung.

Über den Autor

Dr.-Ing. Philipp Schwittek

Geschäftsführung, Entracon Planungsgesellschaft mbH

Promovierter Ingenieur mit den Schwerpunkten Anlagenbau, digitale Konstruktion und Prozessautomatisierung – von der Simulation bis zur Inbetriebnahme.

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