Ratgeber

Manipulator richtig auslegen: Traglast, Reichweite, Taktzeit

Die häufigste Frage in der Handhabungstechnik lautet: „Wie viel muss das Gerät tragen?“ Sie ist die falsche erste Frage. Ein Manipulator scheitert fast nie an der Traglast, sondern am Kippmoment, an der Reichweite oder daran, dass niemand das Greifergewicht mitgerechnet hat.

Autor
Dr.-Ing. Philipp Schwittek
Lesezeit
9 Minuten
Aktualisiert
28. August 2026
Das Wichtigste in Kürze
  • Traglast heißt immer: Bauteil plus Greifer plus Anschlagmittel.
  • Das Kippmoment aus Last mal Ausladung belastet den Fußpunkt – es entscheidet über Bauart und Verankerung.
  • Die Reichweite muss den ungünstigsten Punkt erreichen, nicht den häufigsten.
  • Sechs Angaben genügen für ein belastbares Angebot: Gewicht, Geometrie, Weg, Häufigkeit, Umgebung, Bodenaufbau.
  • Ein Foto des Arbeitsplatzes ersetzt drei Rückfragen.
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Erstens: das Gewicht, das wirklich am Arm hängt

Ein Bauteil von 60 Kilogramm braucht kein 60-Kilogramm-Gerät. Der Greifer wiegt mit – ein Vakuumgreifer für Kartons acht bis fünfzehn Kilogramm, ein mechanischer Formgreifer mit Drehachse leicht das Doppelte. Dazu kommen Adapter, Wechselplatten und alles, was dauerhaft montiert bleibt. Als Traglast gilt deshalb immer die Summe an der Werkzeugaufnahme. Wir geben unsere Traglasten aus genau diesem Grund inklusive Werkzeug an – wer sie ohne angibt, verkauft eine Zahl, die im Betrieb nie erreicht wird.

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Zweitens: das Moment, nicht das Gewicht

Am Fußpunkt eines Säulengeräts entsteht ein Biegemoment aus Last mal Ausladung. 125 Kilogramm auf 3,4 Metern ergeben rund 4,2 Kilonewtonmeter – unabhängig davon, wie stabil das Gerät selbst ist, muss dieses Moment in den Boden. Deshalb ist die Verankerung Teil der Auslegung: verschraubt, gedübelt oder auf ballastierter Grundplatte. Wer die Ankerkräfte erst auf der Baustelle rechnet, rechnet zu spät.

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Drittens: die Reichweite zum ungünstigsten Punkt

Reichweite wird fast immer für den typischen Handgriff angegeben und für den seltenen gebraucht. Der Wechselbehälter steht einmal am Tag zwei Meter weiter hinten, die Palette wird gegen Schichtende von der anderen Seite angefahren. Legen Sie deshalb auf den entferntesten Punkt aus, der im Betrieb tatsächlich vorkommt – nicht auf den, der in der Skizze eingezeichnet ist. Nachträglich verlängern heißt: neues Gerät.

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Viertens: Taktzeit und Häufigkeit

Zwanzig Bewegungen je Schicht und zwanzig je Stunde sind zwei verschiedene Maschinen. Die Häufigkeit bestimmt die Antriebsauslegung, die Einschaltdauer, das Wartungsintervall – und ob die Aufnahmezeit ein Thema ist. Bei hoher Frequenz zählt jede Sekunde beim Greifen mehr als jede Sekunde beim Heben; dann fällt die Wahl auf eine Kombisteuerung, die Fahren und Heben in einem Bedienelement zusammenfasst.

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Fünftens: die Umgebung

Kühlschmierstoff, Zunder, Mehlstaub, Reinigungsschaum, Lösemittel, Strahlungswärme, Kühlhaustemperatur, ATEX-Zone – jede dieser Angaben ändert die Ausführung. Das betrifft selten die Struktur, fast immer aber Dichtungen, Schläuche, Beschichtung und Sensorik. Diese Angaben gehören in die Anfrage, nicht in die Inbetriebnahme.

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Sechstens: der Boden

Industrieboden ist nicht gleich Industrieboden. Estrich auf Dämmung, Hohlraumboden, frisch sanierte Beschichtung, eine Leitung dicht unter der Oberfläche – all das entscheidet, ob gedübelt werden darf. Wo nicht gebohrt werden kann, arbeiten wir mit einer ballastierten mobilen Grundplatte; das Ballastgewicht folgt wiederum aus Traglast und Ausladung. Ein Kreis, der sich nur schließt, wenn man ihn vor der Bestellung durchläuft.

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Die drei teuersten Auslegungsfehler

Erstens: Greifergewicht vergessen – das Gerät ist zu klein und die Nachrüstung kostet mehr als die richtige Größe gekostet hätte. Zweitens: auf den typischen statt den ungünstigsten Punkt ausgelegt – das Gerät erreicht die Aufgabe an drei Tagen im Monat nicht. Drittens: die Aufnahmezeit unterschätzt – das Gerät ist technisch richtig und wird trotzdem nicht benutzt, weil Heben von Hand schneller geht. Alle drei entstehen am Schreibtisch und lassen sich mit einer Stunde am Arbeitsplatz vermeiden.

Übersicht

Diese sechs Angaben brauchen wir für ein Angebot ohne Rückfrage

Angabe Warum Beispiel
Gewicht inkl. Greifer bestimmt die Baugröße 78 kg Bauteil + 14 kg Greifer
Bauteilgeometrie bestimmt Greifer und Schwerpunkt 600 × 400 × 250 mm, Schwerpunkt außermittig
Weg und Höhen bestimmt Ausladung und Hub Palette Boden → Vorrichtung 1.050 mm, 2,8 m Abstand
Häufigkeit bestimmt Antrieb und Wartung 40 Bewegungen je Schicht
Umgebung bestimmt Werkstoffe und Zulassung Kühlschmierstoff, keine Ex-Zone
Bodenaufbau bestimmt die Verankerung Industrieestrich, Bohren erlaubt
Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Manipulator auslegen

Zählt das Greifergewicht zur Traglast?

Ja, immer. Traglast ist alles, was an der Werkzeugaufnahme hängt: Bauteil, Greifer, Adapter und Anschlagmittel. Unsere Angaben verstehen sich deshalb inklusive Werkzeug – ein Gerät, dessen Traglast ohne Greifer angegeben ist, erreicht diesen Wert im Betrieb nie.

Was ist wichtiger: Traglast oder Reichweite?

Ihr Produkt. Das Kippmoment aus Last mal Ausladung belastet den Fußpunkt und entscheidet über Bauart und Verankerung. 60 kg auf 4 m sind für die Struktur anspruchsvoller als 120 kg auf 1,5 m.

Brauche ich ein Fundament für einen Manipulator?

Meist nicht. Ein tragfähiger Industrieboden reicht in der Regel; die Säule wird verdübelt oder verschraubt. Wir rechnen die Ankerkräfte vorher nach. Wo nicht gebohrt werden darf, arbeiten wir mit ballastierter mobiler Grundplatte.

Wie lange dauert es von der Anfrage bis zum Angebot?

Mit den sechs Angaben aus der Tabelle und einem Foto des Platzes in der Regel wenige Arbeitstage. Ohne sie beginnt eine Rückfrageschleife, die deutlich länger dauert als das Ausfüllen.

Über den Autor

Dr.-Ing. Philipp Schwittek

Geschäftsführung, Entracon Planungsgesellschaft mbH

Promovierter Ingenieur. Arbeitet an Anlagenbau, digitaler Konstruktion und Prozessautomatisierung – von der Simulation bis zur Inbetriebnahme.

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