Ratgeber

Rohrklassen nach ASME B31.3 berechnen

ASME B31.3 ist das Regelwerk, nach dem weltweit die meisten Prozessanlagen gebaut werden. Wer eine Rohrklasse danach erstellt, wechselt nicht nur die Formel, sondern das ganze Bezugssystem: Zoll statt DN, Schedule statt Wanddicke in Millimetern, Class statt PN – und eine andere Verteilung der Verantwortung.

Autor
Dr.-Ing. Philipp Schwittek
Lesezeit
8 Minuten
Aktualisiert
04. Oktober 2026
Das Wichtigste in Kürze
  • ASME B31.3 gilt für Prozessrohrleitungen; der Betreiber legt fest, welcher Fluid Service vorliegt.
  • Die Wanddicke folgt aus t = P · D / (2 · (S · E · W + P · Y)) – mit den zulässigen Spannungen aus den Tabellen des Regelwerks.
  • Schedule ist keine Wanddicke: Dieselbe Schedule-Nummer bedeutet bei jeder Nennweite ein anderes Maß.
  • Class 150 heißt nicht 150 psi. Der zulässige Druck eines Flansches steht in den Tabellen der ASME B16.5.
  • In der EU ersetzt ASME B31.3 die Druckgeräterichtlinie nicht – deren Anforderungen sind zusätzlich nachzuweisen.
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Wofür ASME B31.3 gilt

B31.3 „Process Piping“ ist ein Teil des ASME-Codes für Druckrohrleitungen. Er behandelt Rohrleitungen in Raffinerien, Chemie- und Pharmaanlagen, in der Papier- und Halbleiterindustrie, in Tieftemperaturanlagen und verwandten Prozessanlagen. Für Kraftwerksrohrleitungen gibt es mit B31.1 ein eigenes Regelwerk.

In Europa begegnet man B31.3 vor allem dort, wo ein internationaler Betreiber oder ein Lizenzgeber es vorgibt – oder wo eine Anlage für den Export geplant wird. Die Rohrklasse ist in dieser Welt das zentrale Dokument: Die „Piping Material Specification“ legt je Klasse alle Bauteile fest, auf die sich Isometrien und Stücklisten beziehen.

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Fluid Service: Die erste Entscheidung trifft der Betreiber

Bevor gerechnet wird, ist der Fluid Service festzulegen – und das ist nach B31.3 Sache des Betreibers. Von dieser Einstufung hängen Werkstoffauswahl, zulässige Bauteile und Prüfumfang ab.

  • Category D: ungefährliche Fluide bei niedrigem Druck und gemäßigter Temperatur – mit erleichterten Anforderungen
  • Category M: Fluide, bei denen schon eine sehr geringe Menge schwere, bleibende Schäden verursachen kann – mit verschärften Anforderungen
  • High Pressure: vom Betreiber festgelegter Hochdruckbereich mit eigenem Kapitel
  • Normal Fluid Service: alles, was in keine der Sonderkategorien fällt – der Regelfall
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Zulässige Spannung und Wanddicke

B31.3 gibt die zulässige Spannung S nicht als Formel vor, die der Anwender mit Kennwerten füllt, sondern als Tabelle: Für jeden zugelassenen Werkstoff stehen die Werte in Abhängigkeit von der Temperatur im Anhang A. Unterhalb des Kriechbereichs gehen sie im Kern auf ein Drittel der Zugfestigkeit und zwei Drittel der Streckgrenze zurück.

Für das gerade Rohr unter Innendruck gilt nach Abschnitt 304.1.2:

t = P · D / (2 · (S · E · W + P · Y))

P ist der Auslegungsdruck, D der Außendurchmesser, E der Qualitätsfaktor der Rohrnaht – 1,0 für nahtlose, 0,85 für elektrisch widerstandsgeschweißte Rohre –, W der Abminderungsfaktor für Schweißnähte bei hohen Temperaturen und Y ein Beiwert, der für duktile Stähle bis 482 °C mit 0,4 angesetzt wird, solange die Wanddicke kleiner als ein Sechstel des Durchmessers ist.

Die geforderte Mindestwanddicke ist tm = t + c. In c stecken Korrosions- und Erosionszuschlag sowie mechanische Zuschläge, etwa die Gewindetiefe. Danach ist die Herstelltoleranz des Rohrs zu berücksichtigen: Viele nahtlose Rohre nach ASTM-Spezifikation dürfen die Nennwanddicke um 12,5 Prozent unterschreiten, die Nennwanddicke muss also mindestens tm / 0,875 betragen.

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Schedule ist keine Wanddicke

Rohrmaße stehen in ASME B36.10M für Stahlrohre und in B36.19M für nichtrostende Rohre. Die Nennweite heißt NPS und wird in Zoll angegeben, die Wanddicke über eine Schedule-Nummer oder eine Gewichtsklasse – STD, XS, XXS. Schedules mit dem Zusatz S, etwa 10S oder 40S, gehören zur Reihe der nichtrostenden Rohre.

Die Schedule-Nummer ist eine Bezeichnung, kein Maß. NPS 2 in Schedule 40 hat 3,91 mm Wanddicke, NPS 6 in Schedule 40 hat 7,11 mm. Eine Rohrklasse nennt deshalb für jede Nennweite die Schedule – und sie kann innerhalb einer Klasse wechseln, weil die Rechnung bei kleinen Nennweiten ein anderes Ergebnis hat als bei großen. Typisch ist eine dickere Schedule bei kleinen Nennweiten, wo Gewinde, Muffenschweißungen und mechanische Robustheit zählen.

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Flansche: Class statt PN

ASME B16.5 regelt Flansche bis NPS 24 in den Druckstufen Class 150 bis Class 2500; darüber gilt B16.47. Wie bei der PN-Stufe ist die Class eine Bezeichnung: Ein Flansch Class 150 aus unlegiertem Stahl der Werkstoffgruppe 1.1 trägt bei Umgebungstemperatur 19,6 bar, einer in Class 300 trägt 51,1 bar – und mit steigender Temperatur jeweils weniger.

Die Druck-Temperatur-Tabellen der B16.5 sind nach Werkstoffgruppen geordnet. Für eine Rohrklasse wird die Kurve der gewählten Gruppe mit dem Einsatzbereich verglichen; in der Regel bestimmt sie die Grenze der Klasse, nicht die Rohrwand.

Zum System gehören weitere Maßnormen, auf die B31.3 verweist: B16.9 für Einschweißformstücke, B16.11 für geschmiedete Muffen- und Gewindeformstücke, B16.20 und B16.21 für Dichtungen, B16.34 für Armaturen. Bauteile nach diesen gelisteten Normen gelten innerhalb ihrer Druck-Temperatur-Grenzen als nachgewiesen.

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Was in der EU zusätzlich gilt

Eine Anlage, die in der Europäischen Union in Betrieb geht, unterliegt der Druckgeräterichtlinie 2014/68/EU – gleichgültig, nach welchem Regelwerk gerechnet wurde. ASME B31.3 ist nicht harmonisiert. Wer danach auslegt, muss gesondert zeigen, dass die grundlegenden Sicherheitsanforderungen der Richtlinie erfüllt sind.

In der Praxis betrifft das vor allem drei Punkte: die Werkstoffe, für die ohne harmonisierte Norm ein Einzelgutachten nötig wird, die Prüfbescheinigungen und die Druckprüfung, deren Prüfdruck die Richtlinie eigenständig festlegt. Eine Rohrklasse für ein solches Projekt nennt deshalb beide Bezüge – und ist an beiden geprüft.

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Nicht mischen

Die häufigste Fehlerquelle ist das Mischen der Systeme: ein EN-Werkstoff mit ASME-Spannungen, ein PN-Flansch an einem Rohr nach Schedule, ein Verbindungsbeiwert aus der einen Welt in der Formel der anderen. Beide Regelwerke sind in sich geschlossen. Die zulässige Spannung, die Beiwerte, die Zuschläge und der Prüfumfang sind aufeinander abgestimmt und nur gemeinsam gültig.

Wo eine Anlage beide Welten berührt – eine ASME-Einheit in einem europäischen Werk –, wird die Grenze festgelegt: an welchem Flansch, mit welchem Übergangsstück, und welche Klasse auf welcher Seite gilt.

Übersicht

EN 13480 und ASME B31.3 im Vergleich

Merkmal EN 13480 ASME B31.3
Nennweite DN NPS in Zoll
Rohrmaße Wanddicke in mm nach EN 10220 Schedule nach B36.10M und B36.19M
Flansche PN-Stufen nach EN 1092-1 Class nach B16.5
Zulässige Spannung aus Kennwerten der Werkstoffnorm berechnet aus den Tabellen des Regelwerks abgelesen
Rohrnaht Verbindungsbeiwert z Qualitätsfaktor E und Faktor W
Einschweißformstücke EN 10253 B16.9
Geltung in der EU harmonisiert zur Druckgeräterichtlinie Anforderungen der Richtlinie gesondert nachzuweisen
Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Rohrklassen nach ASME B31.3

Lässt sich eine bestehende DIN- oder EN-Rohrklasse einfach in ASME umschreiben?

Nein. Außendurchmesser, Wanddickenreihen, Flanschmaße und Werkstoffe unterscheiden sich, und die zulässigen Spannungen sind anders hergeleitet. Eine Klasse wird für das neue Regelwerk neu aufgebaut und neu gerechnet; übernommen werden der Einsatzbereich und die Betriebserfahrung.

Was bedeutet STD gegenüber Schedule 40?

STD, XS und XXS sind ältere Gewichtsklassen, die neben den Schedule-Nummern weiter verwendet werden. Bis NPS 10 sind STD und Schedule 40 identisch, darüber weichen sie voneinander ab. Eine Rohrklasse sollte je Nennweite eindeutig eine der beiden Bezeichnungen führen.

Wer legt den Fluid Service fest?

Nach ASME B31.3 der Betreiber. Der Planer kann die Einstufung vorbereiten, die Entscheidung – insbesondere für Category D und Category M – liegt aber ausdrücklich beim Betreiber der Anlage.

Passen ASME-Flansche und PN-Flansche zusammen?

In der Regel nicht. Lochkreis, Schraubenzahl und Schraubengröße sind verschieden. Der Übergang zwischen beiden Systemen wird mit einem dafür vorgesehenen Übergangsstück oder an einer Armatur mit zwei verschiedenen Anschlüssen gelöst und in der Rohrklasse festgelegt.

Reicht die Wanddickenformel als Nachweis für die ganze Klasse?

Nein. Sie weist das gerade Rohr nach. Abzweige brauchen den Nachweis der Ausschnittsverstärkung oder ein gelistetes Formstück, Flansche ihre Druck-Temperatur-Zuordnung – und die Leitung als Ganzes je nach Temperatur und Nennweite eine Flexibilitätsanalyse.

Über den Autor

Dr.-Ing. Philipp Schwittek

Geschäftsführung, Entracon Planungsgesellschaft mbH

Promovierter Ingenieur mit den Schwerpunkten Anlagenbau, digitale Konstruktion und Prozessautomatisierung – von der Simulation bis zur Inbetriebnahme.

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