Ratgeber

Regelventil: Kennlinie wählen, Kavitation und Geräusch vermeiden

Ein Regelventil mit dem richtigen Kvs-Wert kann trotzdem schlecht regeln, laut sein oder nach wenigen Monaten undicht werden. Die Ursachen liegen fast immer in zwei Fragen, die bei der Auslegung zu kurz kommen: Welche Kennlinie passt zur Strecke – und was geschieht mit dem Druck im Ventil?

Autor
Dr.-Ing. Philipp Schwittek
Lesezeit
8 Minuten
Aktualisiert
04. Oktober 2026
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Kennlinie aus dem Datenblatt gilt bei konstanter Druckdifferenz – in der Anlage verformt sie sich zur Betriebskennlinie.
  • Je kleiner die Ventilautorität, desto stärker die Verformung; eine gleichprozentige Kennlinie gleicht sie aus.
  • Kavitation entsteht, wenn der Druck im engsten Querschnitt unter den Dampfdruck fällt und sich dahinter wieder erholt.
  • Flashing ist eine Eigenschaft der Anlage, nicht des Ventils: Liegt der Ausgangsdruck unter dem Dampfdruck, bleibt das Medium verdampft.
  • Geräusch ist ein Auslegungsergebnis und lässt sich vor dem Kauf abschätzen.
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Linear und gleichprozentig

Die Kennlinie beschreibt, wie sich der Kv-Wert mit dem Hub ändert. Bei der linearen Kennlinie bringt jeder gleiche Hubschritt denselben Zuwachs an Kv. Bei der gleichprozentigen bringt jeder gleiche Hubschritt denselben prozentualen Zuwachs, bezogen auf den Kv-Wert, der gerade anliegt – die Kurve beginnt flach und wird nach oben steiler.

In Zahlen, für ein Stellverhältnis von 50:1: Bei halbem Hub hat das lineare Ventil rund 51 Prozent seines Kvs-Werts erreicht, das gleichprozentige rund 14 Prozent. Bei drei Vierteln Hub sind es etwa 76 gegenüber 38 Prozent. Das gleichprozentige Ventil regelt kleine Durchflüsse mit viel Hub und damit feinfühlig.

Beide Kurven gelten unter einer Bedingung, die in der Anlage selten erfüllt ist: konstante Druckdifferenz über dem Ventil. Sie heißen deshalb inhärente Kennlinien.

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Was die Anlage aus der Kennlinie macht

Öffnet das Ventil, steigt der Durchfluss – und mit ihm der Druckverlust in der übrigen Strecke. Für das Ventil bleibt weniger Druckdifferenz übrig. Der Durchfluss wächst deshalb langsamer, als die inhärente Kennlinie erwarten lässt. Was tatsächlich entsteht, ist die Betriebskennlinie: Durchfluss über Hub, in dieser Anlage.

Wie stark sie von der inhärenten abweicht, hängt an der Ventilautorität. Bei hoher Autorität bleibt die Form nahezu erhalten. Bei niedriger Autorität wird aus einer linearen Kennlinie eine, die auf den ersten Prozent Hub fast den gesamten Durchfluss freigibt. Eine gleichprozentige Kennlinie wird unter denselben Bedingungen in Richtung linear verformt – und liefert damit im Betrieb das Verhalten, das man sich von der Regelung wünscht.

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Welche Kennlinie wohin

Ziel ist eine Regelstrecke, deren Verstärkung über den Lastbereich möglichst gleich bleibt. Die Kennlinie des Ventils soll ausgleichen, was Anlage und Prozess verzerren.

  • Linear: wenn das Ventil den größten Teil des Druckverlusts aufnimmt und die Druckdifferenz über den Lastbereich annähernd konstant bleibt.
  • Gleichprozentig: wenn die Druckdifferenz mit steigendem Durchfluss deutlich sinkt – der häufigste Fall in Strecken mit Pumpe und langen Leitungen.
  • Gleichprozentig auch an Wärmeübertragern: Deren Leistung steigt bei kleinem Durchfluss steil und flacht dann ab; die Kennlinie gleicht das aus.
  • Im Zweifel entscheidet die berechnete Betriebskennlinie für die tatsächliche Strecke, nicht die Gewohnheit.
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Kavitation: wenn die Flüssigkeit im Ventil siedet

Im engsten Querschnitt eines Ventils ist die Geschwindigkeit am höchsten und der Druck am niedrigsten; dahinter erholt sich der Druck teilweise. Fällt er an der engsten Stelle unter den Dampfdruck der Flüssigkeit, bilden sich Dampfblasen. Steigt er dahinter wieder über den Dampfdruck, fallen die Blasen schlagartig zusammen. Die dabei entstehenden Druckstöße treffen Kegel, Sitz und Gehäusewand.

Zu erkennen ist Kavitation an einem prasselnden Geräusch, als würde Kies durch die Leitung gefördert, an Schwingungen und – am ausgebauten Ventil – an rauen, narbigen Oberflächen. Bei ausgeprägter Kavitation wächst außerdem der Durchfluss nicht mehr mit der Druckdifferenz.

Wie anfällig ein Ventil ist, hängt von seiner Druckrückgewinnung ab. Bauarten mit strömungsgünstigem Durchgang – Kugelhähne, Klappen – erholen den Druck stark und kavitieren früher als Hubventile. Hersteller geben dafür Kennwerte an: den Druckrückgewinnungsfaktor F_L und einen Wert für das Druckverhältnis, bei dem Kavitation einsetzt.

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Flashing: Verdampfung, die bleibt

Liegt der Druck hinter dem Ventil dauerhaft unter dem Dampfdruck, fallen die Blasen nicht mehr zusammen. Ein Teil des Mediums verlässt das Ventil als Dampf, und die Leitung dahinter führt ein Gemisch aus Flüssigkeit und Dampf mit hoher Geschwindigkeit. Das ist Flashing.

Das Schadensbild ist ein anderes: glatte, wie ausgewaschene Flächen statt narbiger Krater, verursacht durch Tropfen, die mit hoher Geschwindigkeit auftreffen. Vor allem aber ist Flashing keine Frage der Ventilbauart. Ob es auftritt, entscheiden Ausgangsdruck und Temperatur – also die Anlage. Ein anderes Ventil kann die Folgen mindern, nicht die Ursache beseitigen.

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Was dagegen hilft

Gegen Kavitation hilft alles, was verhindert, dass der Druck in einem Schritt bis unter den Dampfdruck fällt. Gegen Flashing hilft, die Verdampfung dorthin zu legen, wo sie nicht schadet.

  • Druck in Stufen abbauen: mehrstufige Garnituren oder Lochkegel teilen die Druckdifferenz, sodass keine Stufe den Dampfdruck unterschreitet.
  • Bauart mit geringer Druckrückgewinnung wählen – ein Hubventil statt einer Klappe.
  • Einbauort ändern: dorthin, wo der Druck höher und die Temperatur niedriger ist.
  • Gegendruck erhöhen, etwa durch eine Drosselstelle hinter dem Ventil.
  • Bei Flashing: Ventil nah an den aufnehmenden Behälter setzen, Austritt und Leitung erweitern, beständige Werkstoffe für Garnitur und Gehäuse wählen.
  • Gehärtete Sitz- und Kegelwerkstoffe verlängern die Standzeit, beseitigen aber weder Kavitation noch Geräusch.
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Geräusch: vorhersagbar und beeinflussbar

Bei Flüssigkeiten ist Kavitation die wesentliche Geräuschquelle – wer sie vermeidet, hat meist auch ein leises Ventil. Bei Gasen und Dampf entsteht das Geräusch durch Turbulenz und, bei hohen Druckverhältnissen, durch Verdichtungsstöße hinter der Drosselstelle. Es wächst mit dem Massenstrom und dem Druckverhältnis.

Abschätzen lässt sich der Schallpegel vor dem Kauf: nach IEC 60534-8-3 für Gase und Dämpfe, nach IEC 60534-8-4 für Flüssigkeiten. Die Maßnahmen teilen sich in zwei Gruppen. An der Quelle wirken geräuscharme Garnituren, die den Strom in viele kleine Strahlen teilen, und mehrstufiger Druckabbau. Auf dem Übertragungsweg wirken dickere Rohrwände, Schalldämmung und Schalldämpfer. Maßnahmen an der Quelle senken auch die Belastung des Ventils; Maßnahmen auf dem Weg senken nur, was außen ankommt.

Übersicht

Kavitation und Flashing unterscheiden

Merkmal Kavitation Flashing
Bedingung Druck fällt im Ventil unter den Dampfdruck und steigt dahinter wieder darüber Ausgangsdruck bleibt unter dem Dampfdruck
Was geschieht Dampfblasen fallen schlagartig zusammen Medium verlässt das Ventil als Gemisch aus Flüssigkeit und Dampf
Geräusch prasselnd, wie Kies in der Leitung eher zischend
Schadensbild raue, narbige Oberflächen glatte, wie ausgewaschene Oberflächen
Ursache liegt in Ventilbauart und Druckverhältnis in Ausgangsdruck und Temperatur der Anlage
Abhilfe Druckabbau in Stufen, höherer Gegendruck, anderer Einbauort Einbauort, erweiterter Austritt, beständige Werkstoffe
Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Kennlinie und Kavitation

Hilft ein größeres Ventil gegen Kavitation?

Nein. Die Druckdifferenz gibt die Anlage vor, nicht das Ventil. Ein größeres Ventil baut denselben Druck bei kleinerem Hub ab – mit höherer Geschwindigkeit am Sitz und schlechterer Regelbarkeit. Wirksam sind Garnituren, die den Druck in Stufen abbauen, oder ein anderer Einbauort.

Woran erkenne ich im Betrieb, ob ein Ventil kavitiert?

Am Geräusch – ein Prasseln, das mit der Druckdifferenz zunimmt –, an Schwingungen der Leitung und daran, dass der Durchfluss trotz weiter geöffnetem Ventil nicht mehr steigt. Sicherheit gibt die Nachrechnung mit gemessenem Eingangsdruck, Ausgangsdruck und der Temperatur des Mediums.

Linear oder gleichprozentig – was ist der sichere Griff?

In Strecken mit Pumpe, langen Leitungen oder Wärmeübertragern ist die gleichprozentige Kennlinie meist die bessere Wahl, weil die Druckdifferenz am Ventil mit dem Durchfluss sinkt. Linear passt, wo das Ventil fast den gesamten Druckverlust trägt. Entschieden wird über die Ventilautorität, nicht über die Gewohnheit.

Lässt sich Flashing durch ein anderes Ventil vermeiden?

Nein. Wenn der Druck hinter dem Ventil unter dem Dampfdruck liegt, verdampft ein Teil des Mediums – gleichgültig, welches Ventil eingebaut ist. Beeinflussen lassen sich Einbauort, Strömungsgeschwindigkeit hinter dem Ventil und die Beständigkeit der Werkstoffe.

Ab wann ist ein Regelventil zu laut?

Das legt der Betreiber in der Spezifikation fest, meist als Schalldruckpegel in einem Meter Abstand. Für den Arbeitsschutz nennt die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung Auslösewerte von 80 und 85 dB(A) für die tägliche Exposition. Ein dauerhaft sehr lautes Ventil ist darüber hinaus ein Hinweis auf hohe mechanische Belastung von Ventil und Leitung.

Über den Autor

Dr.-Ing. Philipp Schwittek

Geschäftsführung, Entracon Planungsgesellschaft mbH

Promovierter Ingenieur mit den Schwerpunkten Anlagenbau, digitale Konstruktion und Prozessautomatisierung – von der Simulation bis zur Inbetriebnahme.

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