Ratgeber

Ein Ticketsystem einführen, das nach drei Monaten noch benutzt wird

Die Technik ist an einem Vormittag eingerichtet. Ob das System nach drei Monaten noch benutzt wird, entscheidet sich an ganz anderen Stellen: daran, wie viele Felder jemand ausfüllen muss, bevor er helfen darf, und daran, ob der Weg am System vorbei weiterhin offensteht.

Autor
Dr.-Ing. Philipp Schwittek
Lesezeit
10 Minuten
Aktualisiert
05. September 2026
Das Wichtigste in Kürze
  • Die häufigste Ursache des Scheiterns ist nicht die Auswahl, sondern der offene Nebenweg: Solange Anfragen weiter im persönlichen Postfach landen, gewinnt das Postfach.
  • Ein Postfach je Team ist die richtige erste Struktur – nicht eine Prozesslandkarte mit fünfzehn Kategorien.
  • Pflichtfelder beim Anlegen sind der zuverlässigste Weg, ein System unbeliebt zu machen.
  • Die ersten vier Wochen entscheiden. Wer in dieser Zeit nicht täglich hinschaut, korrigiert später gegen Gewohnheiten.
  • Aussagekräftig ist nicht die Zahl der Tickets, sondern der Anteil der Vorgänge, die überhaupt im System landen.
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Warum Einführungen scheitern

In fast jedem Fall, den wir gesehen haben, war die Software nicht das Problem. Gescheitert ist die Einführung daran, dass der alte Weg offen blieb. Solange Kunden weiter an persönliche Adressen schreiben und Kollegen weiter im Türrahmen fragen, ist das Ticketsystem eine zusätzliche Arbeit – kein Ersatz für eine bestehende. Der zweite häufige Fehler ist Überstrukturierung: Wer vor dem ersten Ticket fünfzehn Kategorien, vier Prioritäten und drei Eskalationsstufen festlegt, hat ein Modell gebaut, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat und das niemand pflegt.

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Der erste Schnitt: Postfächer, keine Prozesse

Fangen Sie mit der Struktur an, die es ohnehin schon gibt – den Abteilungen. Support, Technik, Buchhaltung: jedes Team ein eigenes Postfach mit eigener Adresse. Damit ist die wichtigste Frage beantwortet, nämlich wer zuständig ist, und zwar ohne dass jemand etwas zuordnen muss. Kategorien, Prioritäten und Fristen kommen später, wenn Sie an echten Vorgängen sehen, welche Unterscheidungen wirklich gebraucht werden. Diese Reihenfolge ist der Unterschied zwischen einem System, das die Arbeit abbildet, und einem, dem die Arbeit folgen soll.

  • Je Team eine eigene Eingangsadresse, öffentlich kommuniziert
  • Persönliche Adressen auf das Teampostfach umleiten – nicht bitten, sondern umleiten
  • Eine Sicht „meine Vorgänge", eine Sicht „unbeantwortet" – mehr braucht es am Anfang nicht
  • Keine Pflichtfelder beim Anlegen. Kein einziges
  • Eine Person je Team, die in den ersten Wochen täglich hineinschaut
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Die ersten vier Wochen

In dieser Zeit entstehen die Gewohnheiten, gegen die Sie später nicht mehr ankommen. Praktisch heißt das: täglich zehn Minuten in die Liste der unbeantworteten Vorgänge sehen, jede Anfrage, die am System vorbeikam, freundlich zurück ins System holen, und jede Woche einmal fragen, was gestört hat. Was in dieser Phase auffällt, sind meist Kleinigkeiten – eine Signatur mit der falschen Adresse, ein Formular auf der Webseite, das noch woanders hinschreibt. Genau die entscheiden über den Erfolg.

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Was Sie messen sollten – und was nicht

Die Zahl der Tickets sagt fast nichts: Sie steigt, wenn das System angenommen wird, und das ist gut. Aussagekräftig sind drei andere Größen. Erstens der Anteil der Vorgänge, die im System landen statt daneben – schätzbar über die Zahl der Mails, die noch an persönliche Adressen gehen. Zweitens die Zeit bis zur ersten Antwort, nicht bis zur Lösung. Drittens die Zahl der Vorgänge, die mehr als zweimal die Zuständigkeit wechseln; das ist der zuverlässigste Hinweis auf eine unklare Struktur.

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Wann eine Einführung wirklich schwierig wird

Zwei Fälle sind ehrlich schwierig. Der erste: mehrere Standorte mit gewachsenen, unterschiedlichen Abläufen. Hier hilft nur, zuerst einen Standort vollständig umzustellen und den zweiten danach – parallel geht es fast nie gut. Der zweite: eine bestehende Wissenssammlung, die übernommen werden soll. Erfahrungsgemäß ist die Hälfte davon veraltet; die Übernahme ist eine redaktionelle Aufgabe, keine technische, und sie dauert länger als die gesamte Einrichtung. Wer das vorher weiß, plant es ein statt sich zu wundern.

Übersicht

Was am Anfang gebraucht wird – und was nicht

Thema Zum Start Später
Struktur Ein Postfach je Team Kategorien aus echten Vorgängen
Pflichtfelder Keine Höchstens eines, wenn nachweislich nötig
Fristen Keine SLA nach den ersten Auswertungen
Wissenssammlung Leer starten Aus beantworteten Vorgängen wachsen lassen
Auswertung Zeit bis zur ersten Antwort Zuständigkeitswechsel, Wiederöffnungen
Automatisierung Keine Wenn ein Muster dreimal aufgefallen ist
Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Ticketsystem einführen

Wie lange dauert die Einführung eines Ticketsystems?

Die technische Einrichtung ist eine Sache von Stunden: Postfächer verbinden, Team anlegen, Signaturen anpassen. Realistisch sind vier bis sechs Wochen, bis die Arbeitsweise sitzt – und diese Wochen sind der eigentliche Aufwand. Wer mit „wir schalten es Montag frei" plant, plant nur den kleineren Teil.

Brauchen wir vorher definierte Prozesse?

Nein, und der Versuch schadet meistens. Prozesse, die vor dem ersten Ticket am Reißbrett entstehen, bilden Wunschvorstellungen ab. Beginnen Sie mit den Teams, die es gibt, und lassen Sie die Struktur aus den ersten hundert Vorgängen entstehen. Dann passt sie.

Was machen wir mit den alten Mails?

Nicht importieren. Laufende Vorgänge werden von Hand als Ticket angelegt – das sind erfahrungsgemäß weniger als fünfzig –, alles andere bleibt im Archiv des Postfachs und ist dort auffindbar. Ein Massenimport erzeugt tausende abgeschlossene Vorgänge, die niemand jemals liest, und verstellt die Sicht auf das Aktuelle.

Wie verhindern wir, dass Anfragen am System vorbeilaufen?

Indem der Nebenweg geschlossen wird, nicht indem darum gebeten wird. Persönliche Adressen werden auf das Teampostfach umgeleitet, Formulare auf der Webseite schreiben in das System, und die Telefonnotiz wird als Vorgang angelegt statt als Zettel. Alles andere ist Erziehung gegen Gewohnheit – und die Gewohnheit gewinnt.

Über den Autor

Dr.-Ing. Philipp Schwittek

Geschäftsführung, Entracon Planungsgesellschaft mbH

Promovierter Ingenieur mit den Schwerpunkten Anlagenbau, digitale Konstruktion und Prozessautomatisierung – von der Simulation bis zur Inbetriebnahme.

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