Ratgeber

Greifer und Lastaufnahmemittel: die Wahl, die über alles entscheidet

In Projekten der Handhabungstechnik liegt das Risiko fast nie im Gerät, sondern im Greifer. Er muss die Geometrie aufnehmen, die Lage sichern, in beengte Räume reichen und dabei selbst leicht bleiben. Wer beim Greifer spart, kauft ein Gerät, das steht.

Autor
Dr.-Ing. Philipp Schwittek
Lesezeit
9 Minuten
Aktualisiert
28. August 2026
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Greifer bestimmt Aufnahmezeit, Prozesssicherheit und das Eigengewicht am Arm.
  • Vakuum ist schnell und flächig, aber empfindlich gegen poröse, feuchte und unebene Oberflächen.
  • Formschluss schlägt Reibschluss, sobald die Last kippen, drehen oder gefügt werden soll.
  • Nicht fest angebrachte Lastaufnahmemittel fallen unter EN 13155 und brauchen eine eigene Konformitätsbewertung.
  • Der Greifer wird für die schlechteste vorkommende Oberfläche ausgelegt, nicht für die Musterprobe.
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Vier Prinzipien, vier Anwendungsfelder

Alle Greiftechnik lässt sich auf vier Wirkprinzipien zurückführen. Vakuum hält über den Luftdruck an einer dichten Fläche – schnell, flächig und schonend, aber abhängig von Oberflächenqualität und Dichtheit. Reibschluss über Klammern hält seitlich – unempfindlich gegen Oberflächen, aber mit Anpressdruck, der empfindliche Teile verformen kann. Formschluss nutzt die Geometrie des Bauteils – die sicherste Variante, aber bauteilgebunden. Und der Dorn oder Haken nutzt eine vorhandene Öffnung – einfach und robust, wo Rollen, Spulen und Coils im Spiel sind.

  • Vakuum: Kartons, Platten, Bleche, Glas, Solarmodule, Sichtflächen
  • Klammer und Reibschluss: Gebinde, Kisten, Fässer, unregelmäßige Teile
  • Formschluss: Motoren, Getriebe, Werkzeuge, Batteriemodule, alles mit Fügeaufgabe
  • Dorn und Haken: Rollen, Spulen, Coils, Bunde, Ringe
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Wo Vakuum aufhört zu funktionieren

Vakuumgreifer sind zu Recht das häufigste Lastaufnahmemittel im Materialhandling: Die Aufnahme dauert Sekundenbruchteile und die Kraft verteilt sich flächig. Grenzen zeigen sich bei porösen Oberflächen wie Rohspanplatte oder Recyclingkarton, bei Feuchtigkeit aus dem Kühlbereich, bei Folienfalten und bei stark gewölbten Teilen. Die Antwort ist dann nicht mehr Vakuum, sondern mehr Saugfläche, eine leistungsfähigere Pumpe – oder ein anderes Prinzip. Wir testen deshalb grundsätzlich an den tatsächlichen Bauteilen aus der Produktion, nicht an Mustern aus dem Labor.

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Reibschluss oder Formschluss – die Sicherheitsfrage

Solange eine Last nur senkrecht angehoben wird, genügt Reibschluss. Sobald sie gedreht, gekippt oder gegen einen Widerstand gefügt wird, ändern sich die Kraftrichtungen – und ein reibschlüssiger Griff kann rutschen. Deshalb gilt in der Auslegung: Wo die Last kippt, dreht oder fügt, wird formschlüssig gegriffen oder formschlüssig gesichert. Das ist keine Vorsichtsmaßnahme, sondern das Ergebnis der Risikobeurteilung.

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Was EN 13155 für Ihren Greifer bedeutet

Lastaufnahmemittel, die nicht fest mit dem Hebezeug verbunden sind – Traversen, Zangen, Vakuumheber, C-Haken –, fallen unter die harmonisierte Norm EN 13155. Sie stellt Anforderungen an Sicherheitsfaktoren, an das Verhalten bei Energieausfall und an die Kennzeichnung. Praktisch heißt das: Ein Vakuumheber muss die Last bei Stromausfall halten oder kontrolliert absetzen können, und die Tragfähigkeit muss dauerhaft am Gerät stehen. Fest angebaute Greifer an einem Manipulator werden dagegen als Teil der Maschine betrachtet und in deren Risikobeurteilung geführt.

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Das Eigengewicht, das die Auslegung kippt

Jedes Kilogramm Greifer ist ein Kilogramm weniger Nutzlast – und wirkt am vollen Hebelarm. Ein Formgreifer mit Drehachse, Klemmung und Sensorik kann 30 Kilogramm wiegen; bei einem 125-Kilogramm-Gerät ist damit ein Viertel der Traglast vergeben, bevor das erste Bauteil hängt. Deshalb gehört die Greiferkonstruktion an den Anfang der Auslegung, nicht ans Ende. Aluminium statt Stahl, gedrehte statt gefräste Teile, Sensorik nur dort, wo sie gebraucht wird – das sind die Stellschrauben.

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Wechselsysteme: eine Entscheidung mit langer Wirkung

Wo mehrere Bauteilvarianten laufen, ist ein Greiferwechselsystem fast immer die richtige Wahl. Es kostet einmal Konstruktionsaufwand und spart dann bei jeder neuen Variante ein komplettes Gerät. Wichtig ist, die Schnittstelle großzügig auszulegen: Medien, Signale und ein Reservekanal. Wer die Schnittstelle knapp bemisst, hat beim dritten Greifer ein Problem, das nur durch Tausch aller vorhandenen zu lösen ist.

Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Greifer & Lastaufnahmemittel

Welcher Greifer eignet sich für Kartons?

In der Regel ein Vakuumgreifer – er ist am schnellsten und schont die Ware. Bei Recyclingkarton, feuchten Gebinden aus dem Kühlbereich oder folierten Trays wird das Vakuum unzuverlässig; dann ist ein Klammergreifer oder eine Kombination beider Prinzipien die bessere Wahl.

Was ist ein Lastaufnahmemittel?

Ein Bauteil zwischen Hebezeug und Last, das nicht zum Hebezeug gehört – etwa eine Traverse, eine Zange, ein C-Haken oder ein Vakuumheber. Nicht fest angebrachte Lastaufnahmemittel unterliegen der EN 13155 und brauchen eine eigene Konformitätsbewertung sowie eine wiederkehrende Prüfung.

Zählt der Greifer zur Traglast des Geräts?

Ja. Alles, was an der Werkzeugaufnahme hängt, zählt mit und wirkt am vollen Hebelarm. Deshalb legen wir den Greifer vor dem Gerät aus, nicht danach.

Kann ein Gerät mehrere Greifer nutzen?

Ja, über ein Wechselsystem. Das lohnt sich, sobald mehr als zwei Bauteilvarianten laufen. Wichtig ist eine großzügig ausgelegte Schnittstelle mit Reserve für Medien und Signale – nachträgliches Erweitern ist teuer.

Über den Autor

Dr.-Ing. Philipp Schwittek

Geschäftsführung, Entracon Planungsgesellschaft mbH

Promovierter Ingenieur. Arbeitet an Anlagenbau, digitaler Konstruktion und Prozessautomatisierung – von der Simulation bis zur Inbetriebnahme.

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