Fachlexikon

Temperaturausdehnung

Rohrleitungen ändern ihre Länge infolge von Temperaturänderungen. Wird diese Bewegung behindert, können erhebliche Kräfte und Spannungen entstehen.

Auch
Wärmeausdehnung · Wärmedehnung · thermische Ausdehnung · Thermal Expansion
Wird auch genannt
  • Wärmeausdehnung
  • Wärmedehnung
  • thermische Ausdehnung
  • Thermal Expansion
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Die Formel

Die Längenänderung eines Rohres folgt aus drei Größen:

ΔL = α · L · ΔT

Darin ist α der mittlere Längenausdehnungskoeffizient des Werkstoffs, L die Länge des betrachteten Abschnitts und ΔT der Unterschied zwischen Montage- und Betriebstemperatur. Durchmesser und Wanddicke kommen nicht vor.

Ein Beispiel: 50 m Rohr aus unlegiertem Stahl, montiert bei 20 °C, betrieben bei 220 °C. Mit α = 12 · 10⁻⁶ 1/K ergibt sich 12 · 10⁻⁶ · 50 000 mm · 200 K = 120 mm. Die Leitung wird um zwölf Zentimeter länger – ob man es eingeplant hat oder nicht.

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Richtwerte je Werkstoff

Der Ausdehnungskoeffizient hängt vom Werkstoff ab und steigt mit der Temperatur leicht an. Für eine Überschlagsrechnung genügen die Größenordnungen der Tabelle; für den Nachweis werden die Werte der Werkstoffnorm oder des Regelwerks für den tatsächlichen Temperaturbereich verwendet.

Auffällig sind zwei Dinge. Austenitische nichtrostende Stähle dehnen sich rund 40 Prozent stärker als unlegierter Stahl – eine Leitungsführung, die in Stahl funktioniert, kann in Edelstahl zu steif sein. Und Kunststoffe wie Polyethylen dehnen sich um mehr als das Zehnfache; ihre Halterung folgt deshalb eigenen Regeln.

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Wenn die Dehnung behindert wird

Wird ein gerades Rohr zwischen zwei Festpunkten vollständig an der Dehnung gehindert, entsteht die Spannung σ = E · α · ΔT. Sie hängt weder von der Länge noch vom Querschnitt ab. Für Stahl mit einem Elastizitätsmodul von rund 200 000 N/mm² ergeben schon 100 K Temperaturunterschied etwa 240 N/mm² – die Größenordnung der Streckgrenze üblicher Rohrstähle.

Die zugehörige Kraft ist Spannung mal Querschnittsfläche. Bei einem Rohr 219,1 × 6,3 mm sind das rund 1000 kN. Kein üblicher Festpunkt und kein Apparatestutzen nimmt eine solche Kraft auf. Die Schlussfolgerung ist immer dieselbe: Wärmedehnung lässt sich nicht verhindern, sie muss aufgenommen werden.

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Wie die Dehnung aufgenommen wird

Das einfachste Mittel ist die Leitungsführung selbst. Jede Richtungsänderung macht die Leitung elastisch: Dehnt sich ein Schenkel, biegt sich der Schenkel quer dazu. L-, Z- und U-förmige Verläufe nehmen die Dehnung auf, ohne dass ein zusätzliches Bauteil nötig wäre. Reicht das nicht, wird ein Dehnungsbogen eingeplant.

Wo der Platz fehlt, übernehmen Kompensatoren die Aufgabe – mit eigenen Anforderungen an Festpunkte und Führungen. In jedem Fall teilen Festpunkte die Leitung in Abschnitte, von denen jeder seine Dehnung für sich ausgleicht, und Führungen sorgen dafür, dass die Bewegung dorthin geht, wo sie aufgenommen werden kann.

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Typische Fehler

Die Formel ist einfach. Falsch wird das Ergebnis durch die Temperaturen, die man einsetzt.

  • Die Montagetemperatur ist zu hoch angenommen – bei Montage im Winter ist die Dehnung größer als gerechnet.
  • Nur die Betriebstemperatur ist betrachtet, nicht Ausdampfen, Störfälle oder die Sonne auf einer leeren Leitung.
  • Die Verkürzung ist vergessen: Kälteleitungen ziehen sich zusammen.
  • Abzweige sind zu steif an eine Sammelleitung angeschlossen, die sich mitbewegt.
  • Kunststoffleitungen sind wie Stahlleitungen gehaltert.

Dazu gibt es einen Rechner – mit offener Formel und den Grenzen, bis zu denen das Ergebnis trägt.

Zum Rechner
Übersicht

Längenänderung je Meter Rohr bei 100 K (Richtwerte)

Werkstoff Ausdehnungskoeffizient α Längenänderung je Meter und 100 K
Unlegierter Stahl rund 12 · 10⁻⁶ 1/K rund 1,2 mm
Austenitischer nichtrostender Stahl rund 16 bis 17 · 10⁻⁶ 1/K rund 1,7 mm
Kupfer rund 17 · 10⁻⁶ 1/K rund 1,7 mm
Aluminium rund 23 bis 24 · 10⁻⁶ 1/K rund 2,4 mm
Polyethylen (PE) rund 180 bis 200 · 10⁻⁶ 1/K rund 18 bis 20 mm
Häufige Fragen

Häufige Fragen zu Temperaturausdehnung

Hängt die Längenänderung vom Rohrdurchmesser ab?

Nein. Ein dünnes und ein dickes Rohr aus demselben Werkstoff werden bei gleicher Temperaturänderung gleich viel länger. Vom Querschnitt abhängig ist dagegen die Kraft, die entsteht, wenn die Dehnung behindert wird.

Welche Temperaturdifferenz ist anzusetzen?

Die Differenz zwischen der Montagetemperatur und der höchsten sowie der tiefsten Temperatur, die die Rohrwand planmäßig erreichen kann. Dazu gehören auch Sonderzustände wie Ausdampfen oder Spülen, nicht nur der Normalbetrieb.

Ab welcher Länge braucht eine Leitung einen Dehnungsausgleich?

Eine feste Länge gibt es nicht. Entscheidend ist, ob die vorhandenen Richtungsänderungen die Dehnung aufnehmen können, ohne dass Spannungen und Anschlusslasten zu hoch werden. Das zeigt eine Überschlagsrechnung oder die Rohrstatik.

Dehnt sich auch der Durchmesser?

Ja, im selben Verhältnis wie die Länge. Wegen der kleinen Abmessung ist der Betrag gering; von Bedeutung ist er an Führungen und Schellen mit engem Spiel und bei Wanddurchführungen.

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